Das Marcipane Kochbuch von Kohn, Corbinian

Buchvorstellung und Rezension

Erschienen 2009 bei Gräfe & Unzer , 239 Seiten. ISBN 978-3833813962.

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In Kürze:

Was geht einem durch den Kopf, während man im Restaurant auf sein Essen wartet? Crostino mit Alice steht da, zum Beispiel. Oder Saibling mit Cashew-Pesto: Gibts an der Cashewnuss irgendwas auszusetzen? Nein, eigentlich ist sie die Angelina Jolie unter den Schalenfrüchten. Jan Weiler, Autor des Bestsellers 'Maria, ihm schmeckts nicht', schlüpft in diesem originellen Koch-Lesebuch in die Rolle des nachdenklichen Gastes und kommentiert 50 ausgesuchte Gerichte, die garantiert jedem das Wasser im Munde zusammen laufen lassen. Ein sehr persönliches, sehr amüsantes, ganz köstliches Kochbuch, das keine Wünsche offen lässt. Selbst Antonio Marcipane hätte hier nichts auszusetzen!

Das meint Kochbuch-Couch.de: „Weniger wäre hier mehr gewesen!“

Kochbuch-Couch-Rezension von Hermann Cölfen

„Jan Weiler kocht nicht, bedient nicht und verkauft auch keinen Wein. Er sitzt bloß stumm in einer Ecke und schreibt. Oder er isst. Gut, manchmal schäumt er Milch auf oder schält Kartoffeln. Aber zu mehr ist er aus gastronomischer Sicht nicht zu gebrauchen.“

Wenn man sich als einer von zwei Autoren eines Kochbuchs gleich auf den ersten Seiten so präsentiert, dann ist das entweder sehr mutig, gewollt witzig oder einfach nur dreist. Gut: Dass es in diesem Autorenteam einen Koch und einen Schriftsteller gibt, lässt sich nach wenigen Minuten der Lektüre erschließen. Wer im Buch aber was gemacht hat, wer jetzt der Autor ist oder wie das Buch genau heißt ­- das lässt sich gar nicht so leicht bestimmen, denn die typographische Gestaltung des Buches ist jemandem in die Hände gefallen, der Texte als bloße Bildelemente missverstanden hat, was sich schon auf dem Umschlag ankündigt. In Großbuchstaben liest man:

JAN WEILER
DAS
MARCIPANE
KOCHBUCH
REZEPTE
CORBINIAN
KOHN

Wie man so schön sagt: Und jetzt sind Sie dran! Ein kleiner Abstand zwischen „WEILER“ und der nächsten Zeile mit dem Wörtchen „DAS ...“ lässt immerhin vermuten, dass Jan Weiler der Autor ist, dass es sich um ein Marcipane-Kochbuch handelt, zu dem ein gewisser Corbinian Kohn die Rezepte geliefert hat.
Schaut man ins Impressum, dann erfährt man noch, dass Hans Gerlach das Foodstyling und Barbara Bonisolli die Fotos besorgt hat und dass man eine Agentur mit dem Layout und der Umschlaggestaltung beauftragt hat. Eine Menge ´Köche´ am Herd. Das kann entweder ´den Brei´ verderben oder für eine ganz ausgezeichnete Qualität sorgen.

Um es vorwegzunehmen: Ich halte das Buch im Ganzen leider für misslungen; es scheint sich hier um das Ergebnis eines hypertrophen ´Projektes´ zu handeln, das die Beteiligten mit viel Tamtam und zugleich auch mit der Distanz von Leuten abgearbeitet haben, die ´einen Job erledigen´. Selbstverständlich gibt es ganz ausgezeichnete Elemente in diesem Buch: Die Fotos von Barbara Bonisolli sind so erstklassig wie das Foodstyling von Hans Gerlach – gar keine Frage. Aber die Textgestaltung ist völlig missraten: Viel zu lange Zeilen, die immer wieder über die Fotos gelegt werden, ein großes Durcheinander bei den Zutatenlisten und ein durchweg irritierender Umgang mit Schriftgrößen und -typen. Es drängt sich der Eindruck auf, als habe da jemand gewirkt, für den Lesbarkeit und Kohärenz keine große Rolle gespielt haben.
Nun möchte man in einem Kochbuch aber auch Rezepte gut lesen und verstehen können und nicht die Kochanleitungen dort platziert finden, wo sie gerade eben noch hingepasst haben. Das ganze Buch verbreitet die zugleich aseptische und routinierte Atmosphäre moderner Werbeagentur-Produkte: alles stylish, alles gut.

Wie darf man sich die Geschichte zum Buch vorstellen?: Zwei Köche – einer von ihnen vormals im „In-Treff “Sansibar„ auf Sylt“ – kochen jetzt in einem bayerischen Dorf namens Münsing, wo man immerhin so viel Geschmack hatte, Vicco von Bülow zum Ehrenbürger zu machen. Ein Restaurant, die Vinoteca Marcipane, wird eröffnet, gerade noch nahe genug an München, um auf gelegentliche Besuche der dort ansässigen, unverwüstlichen Schickeria hoffen zu dürfen. Der Dritte im Bunde ist Jan Weiler, Autor des Buchs „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, das vor allem durch die Verfilmung mit Christian Ulmen bekannt und mittlerweile mehr als 1,5 Millionen mal verkauft worden ist. Ob Weiler amüsant oder gar lustig schreibt oder eher langweilig und trocken, daran scheiden sich die Geister. Viele Leute – ich selbst gehöre dazu – können der Verfilmung mehr abgewinnen als dem Buch, obwohl der nüchterne Duktus des Autors durchaus etwas für sich hat.

Hier geht es aber um ein Kochbuch, genauer: um ein literarisches Kochbuch, und so originell die Geschichte des Bestsellers ist, so mühsam zusammengesucht wirken die Geschichten im Marcipane-Kochbuch. Nicht selten muss man schon sehr deutungswillig sein, wie zum Beispiel bei der Geschichte „Das sind Jakobs Muscheln“. Also nicht Jakobsmuscheln, sondern ´Jakobs Muscheln´ - Sie ahnen, wo hier der Witz montiert wurde. Da wird zu Beginn des Textes der Wikipedia-Eintrag zu Jakobsmuscheln diskreditiert; nur spaßeshalber (hoffentlich), wie man später vermuten kann.
Nun ist Humor ja ´Bandbreite´, wie Herbert Knebel es mal formuliert hat, und der eine oder die andere kann mit Weilers Marcipane-Geschichten ohne Marzipan vielleicht etwas anfangen. Aber kann man dem schreibenden Wirtshausanteilseigner ohne gastronomische Ambitionen denn wenigstens sympathische Züge abgewinnen? Mir ist es nicht gelungen, denn Weiler hält die dekadente und selbstsatte Münchner „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ für „Folkore“ und bezeichnet Menschen, die das nicht so sehen als „neidische Langweiler“. Er fährt mit einem weißen Porsche durch sein Revier (Interview in der FAZ) und missachtet dabei gern für alle sichtbar die Verkehrsregeln. Wenn er dann das alkoholgeschwängerte Absingen von „Karamba, Karacho, ein Whisky“ zum Dessert (Gepfefferte Erdbeeren mit Whiskeysahne) für den gelungenen Abschluss eines vollkommenen Abends in seinem Restaurant hält, möchte man vielleicht doch lieber ganz weit weg sein von Münsing.

Den mit erkennbarer Anstrengung konstruierten literarischen Texten stehen allerdings einige ganz ausgezeichnete und grundsolide Rezepte gegenüber. Die Maronen-Rosmarin-Suppe ist so originell wie die Lammschulter mit Trüffelpolenta und Backapfel oder so solide wie der geschmorte Rehschlegel mit Pfifferlingen, Polenta und Zwetschgensauce. Bei den Desserts geht es eher schlicht zu. Klar: Gepfefferte Erdbeeren mit Whiskysahne oder Mousse au Chocolat – kann man machen, entspricht aber nicht dem Niveau der anderen Rezepte.

Alles in allem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte man hier auf den Mitnahme-Effekt durch die Popularität des Schriftstellers gesetzt. Dafür spricht auch der völlig unpassende Titel: Gibt es irgendjemanden, der in einem Marcipane-Kochbuch nicht wenigstens ein Rezept erwartet, in dem Marzipan eine wichtige Rolle spielt oder wenigstens als Zutat vorkommt? Wird man die exotische Schreibweise Marcipane nicht auf den ersten Blick (und beim Kauf) als Zeichen besonderer Wertschätzung oder gar der langen Geschichte dieser Speise geschuldet deuten? Tatsächlich gibt es nicht ein einziges Rezept mit Marzipan in diesem Buch, was schon an Dilettantismus oder Irreführung grenzt. Das ist wirklich ärgerlich. Stattdessen gehen die Autoren wohl davon aus, dass die Figur des Antonio Marcipane aus Weilers erstem Roman Antonio im Wunderland so bekannt ist, dass hier keine Missverständnisse aufkommen können. Für diejenigen (zu denen ich mich zählen darf), die das nicht verstanden haben, wird das Rätsel auf Seite 206 (!) gelöst: „Warum die Vinoteca Marcipane Marcipane heißt“.

Weniger geschwätzige und überhaupt weniger ´literarische´ Texte dieser Art, weniger Design und dafür mehr Rezepte und mehr O-Ton von Corbinian Kohn, der auf seine in den Geschichten beschriebene knappe Art die Dinge oft recht gut auf den Punkt bringt – das wäre es doch. Vielleicht hätte der Autor mehr Zeit lernend in der Küche und der Koch die eine oder andere Stunde an der Tastatur verbringen sollen.

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Kochbuch-Couch-Ausgabe Februar | 2010

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