Zukunftsmenü: Warum wir die Welt nur mit Genuss retten können

  • Riemann
  • Erschienen: Januar 2013
  • ISBN: 978-3-570-50150-4
  • 224 Seiten.
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Britta Höhne
4

Kochbuch-Couch Rezension vonMai 2013

Praktikabilität

Ausstattung

Vom Scheiterhaufen aus Brot zur gescheiterten Ernährungspolitik

Zeit, um sich selbst an den gedeckten Tisch zu setzten, um in Ruhe zu essen, scheint sie nicht zu haben: Sarah Wiener ist beständig in Sachen Nahrungsmitteln unterwegs. Sie betreibt gleich mehrere Restaurants, besitzt in Berlin die Holzofenbäckerei „Wiener Brot“, ist Botschafterin zahlreicher Vereinigungen, kocht und probiert telegen bei ARTE („Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“), taucht hier und da im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf, kocht mit Kindern, hat in diesem Jahr ihre eigene Lebensmittelmarke auf den Markt gebracht und legt in regelmäßigen Abständen ein Buch vor. Wie jetzt: „Zukunftsmenü“, heißt es und trägt den Untertitel: „Warum wir die Welt nur mit Genuss retten können.“

Sarah Wieners Botschaft ist klar: „Lebensmittelskandale? Industrienahrung? Fehlernährung? Massentierhaltung? Machen wir Schluss damit!“ Viel hat sie sich vorgenommen, die Spitzenköchin, die vor vielen Jahren in den Künstlerrestaurants ihres Vaters gearbeitet hat, bis sie 1990 ihre eigene Cateringfirma ins Leben rief. Seitdem plädiert sie dafür, mit frischen, regionalen und der Jahreszeit gemäßen Lebensmitteln zu kochen. Naturnahe Erzeugung ist ihr ein Anliegen. Sie beschwört die Notwendigkeit, sich gegen industriell produzierte Nahrungsmittel zu stellen, Fast-Food abzulehnen und sich selbst wieder auf Genuss zu besinnen. Sie klagt an, dass jährlich Unmengen an Lebensmitteln vernichtet werden. Sarah Wiener ist sich sicher, dass es keinen Hunger auf der Welt geben müsste, würden die Lebensmittel gerechter verteilt und würden nicht Berge an Essbarem täglich entsorgt, weil etwa das Brot trocken geworden ist, oder der Apfel eine braune Stelle aufweist.

Dabei geht die 1962 in Halle (Westfalen) geborene Köchin nicht immer zimperlich vor. Sie meint eine Notwendigkeit darin zu sehen, den Menschen, die jetzt erst beginnen im Überfluss zu leben, die jetzt erst beginnen, sich Burger in den Mund zu schieben, diese Art der Ernährung zu untersagen, weil sie schlichtweg schadet. Mensch und Natur. Dahin gehend, das Lebensmittel immer billiger produziert werden müssen, damit immer mehr Menschen Zugang, etwa zu den Produkten der Fast-Food-Kette McDonalds haben. So wird in Ländern, in denen bislang noch traditionell gekocht wurde, eine Essens-Art eingeführt, die laut Wiener nur schaden kann. Die Menschen sind nicht darauf eingestellt, ihre Essgewohnheiten umzustellen und die eigene, regionale Küche zunehmend zu vernachlässigen.

„Zukunfstmenü“ ist ein Schlag in die Gesichter aller, die essen, weil ein Mensch eben essen muss. Egal was. Sie möchte aufrütteln, aufzeigen, was passiert, wenn Urwälder platt gewalzt werden, um genmanipulierten Mais, Monokulturen generell, anzubauen. Was passiert, wenn Mastställe immer mehr Tiere schlucken und was mit Menschen passiert, die sich aus Zeitmangel oder Mangel an Interesse nur von Fertigprodukten ernähren.

Sarah Wiener lässt kein Thema aus: Leben im Überfluss, Turbohühner für die Masse, Verschwendung von Lebensmitteln, Bio ist nicht immer Bio, Bedeutung von Biosiegeln, saisonale Küche, warum die Menschen immer dicker werden, Erklärungen von Deklarationen auf Lebensmittelpackungen, ABC der Zusatzstoffe, Bedeutung von Pflanzenstoffen, erleben, wo das Fleisch herkommt und und und. Sie führt Gespräche unter anderem mit dem Ernährungswissenschaftler und Autor Prof. Dr. Nicolai Worm, mit den Agrarwissenschaftlern Dr. Andrea Fink-Keßler und Prof. Dr. Manfred Hoffmann, mit Dr. Frank Bartram (Umweltmediziner), mit ihrem Kochkollegen Tim Mälzer, mit der foodwatch-Mitarbeiterin Anne Markwardt und mit dem Bio-Bauern Willy Schuster.

Sicher ist, Sarah Wieners Neuerscheinung ist kein Kochbuch im klassischen Sinne, obwohl sie zwischendurch, was sehr auflockernd wirkt, kleine feine Rezeptangebote zum Besten gibt. Sie macht Vorschläge zur Verwendung nicht mehr frischen Brotes („Scheiterhaufen aus Brot- und Kuchenresten“) , Honigkuchen wird gebacken (dem voran gestellt ist das Gespräch mit Imkermeister Thomas Radetzki), Girsch-Pesto wird vorgestellt, ebenso Brennnessel-Kartoffel-Stampf, Kutteln römischer Art, Bunter Kartoffelsalat, Kohlrouladen, Reis mit geschmortem Gemüse und vieles mehr.

Zukunftsmenü ist ein Nachschlagewerk, dessen Farbzusammenstellungen und Schrifttypen oft die Augen bemühen. Aber egal, dieses Buch musste wohl sein, obwohl es traurig ist, dass es ein Buch mit derartigem Inhalt überhaupt geben muss. Wer allerdings nach all den erschreckenden Fakten über Fettleibigkeit, Qualitätsverlust, Massentierhaltung und Giften im Essen noch Appetit hat, sollte sich eines der Rezepte heraus fischen und einfach drauf loskochen. Denn: Kochen kann Sarah Wiener und Kochen erklären noch viel besser. Also trotzdem noch einen guten Appetit!

Zukunftsmenü: Warum wir die Welt nur mit Genuss retten können

, Riemann

Zukunftsmenü: Warum wir die Welt nur mit Genuss retten können

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