Reisen durch die Küchen von Sachsen

  • Buchverlag für die Frau
  • Erschienen: Januar 2006
  • ISBN: 978-3-89798-153-9
  • 208 Seiten.
Reisen durch die Küchen von Sachsen
Reisen durch die Küchen von Sachsen
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Chris Langmandel
5

Kochbuch-Couch Rezension von Chris Langmandel Mai 2006

Praktikabilität

Unterschiedlich; allerdings gibt es weder spezielle Rezepte für Einsteiger noch extrem anspruchsvolle Gerichte Einfach und auf den Punkt erklärt; in diesem Fall war weniger mehr Ein tolles Buch, das gut in der Hand liegt und während des Kochens noch mit kleinen Geschichtchen unterhält.

Ausstattung

Tolle Bilder sowohl vom Freistaat als auch den vorgestellten Rezepten. Dazu gute Seiten- und Bindungsqualität.

Leipziger Allerlei und Dresdner Christstollen – soll das wirklich alles sein?!

Wenn Sie an die Küche Sachsens denken, was ist das erste, das ihnen einfällt? Klar, Spreewaldgurken....doch, Moment mal, bei genauerem Hinsehen fällt dem ein oder anderen ein, dass der Spreewald doch eigentlich in Brandenburg liegt - tja dann eigentlich nix in Sachen sächsischer Küche. So dürfte es vielen Menschen ergehen, die in den alten Bundesländern groß geworden und Sachsen noch keinen kulinarischen Besuch abgestattet haben. Damit ist jetzt aber Schluss: Autorin Dagmar Schäfer, Fotograf Ansgar Pudenz und das Team des Buchverlags für die Frau haben beschlossen, eine Lanze für die anscheinend zu Unrecht unterschätzte sächsische Küche zu brechen.

Das hehre Volk der Sachen

Während das Bersten der Lanze noch nicht verhallt ist, stellt die Autorin dem Leser im Vorwort das Volk der Sachsen vor. Die Sachsen seien als "Schlemmer und Genießer bekannt, werden sogar die deutschen Leckermäuler genannt"; da erwartet der Leser doch zwangsläufig, dass die Not des Genießen-Wollens zur Tugend der guten Küche geführt hat. Auch den Vorwurf der Eindimensionalität - womit wir schon wieder bei den ungerechtfertigten Gurken wären - will die Autorin entkräften, denn die sächsische Küche sei "so vielgestaltig wie die Gegebenheiten des Landes und die Eigenheiten seiner Bewohner". Man nickt hier fast ungewollt und versucht, die Bilder von "Sachsen-Paule/-Heiko" vor dem inneren Auge zu verscheuchen. Das Loblied auf die Sachsen jedenfalls nimmt kein Ende; sie sind wirtschaftlich, erfinderisch, bescheiden, weltoffen und verschwenden nichts, so die Autorin.
Nach dem Lesen des Vorwortes rangieren die Sachsen bereits - sollte man einen ewigen Kulturen-High-Score anfertigen - irgendwo zwischen Griechen, Römern und Ägyptern. Was jetzt vielleicht lächerlich klingt, ist aber gar nicht so falsch, war das Volk der Sachsen doch tatsächlich seit der Spätantike viel geschichtsträchtiger als es heute manch einem erscheinen mag. Dagmar Schäfer schickt sich nun mit diesem Buch an, dieses Underdog-Image, das anscheinend von historischen Ausmaßen ist, zumindest aus der Küche zu verbannen.

Die Reise beginnt in Leipzig...

Nach einer kurzen Vorstellung der wichtigsten sächsischen Regionen beginnt der literarische Schlemmertrip in der Messestadt Leipzig. Dagmar Schäfer betont die fruchtbaren Böden, die fischreichen Gewässer und die vielen internationalen Einflüsse, die Messebesucher und Studenten in die Stadt gebracht haben. Dementsprechend bieten die Rezepte zur Region Leipzig vor allem variantenreiche Zubereitungen von Fisch, Obst, Gemüse aber auch einigen Fleischgerichten. Das Highlight der Region ist natürlich das Leipziger Allerlei, das hier, angereichert mit Spargel und Krebsschwänzen, wohl seinem ursprünglichen Zweck, der Vertreibung der napoleonischen Steuereintreiber, nicht mehr gerecht werden würde. Lobend erwähnt werden muss auch die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der Gerichte; allein aus der Region Leipzig hätte man ein eigenes Kochbuch machen können, denn auch traditionelle Nachspeisen wie die "Borsdorfer Apfeltorte" und sogar lokal sehr beliebte Getränke wie das "Leipziger Kaffeehäufchen" werden vorgestellt.

...und führt den Leser über das Vogtland...

Das Vogtland, so das kapiteleigene Vorwort, sei vor allem das Land der Knolle, also Kartoffel. Diese aus Amerika importierte Pflanze musste in der alten Welt ein Schattendasein als Zierpflanze führen, bis Friedrich der II. 1763 dazu überging, sie den Preußen als ´Feldfrucht Number One´ zu verordnen - dachte man zumindest. Dagmar Schäfer berichtet aber, dass bereits 1680 ein gewisser Landwirt Rogler die Kartoffel dort angebaut habe, womit wir schon wieder beim Underdog-Dasein der Sachsen wären. Die Kartoffel hat also Tradition im Vogtland, und so drehen sich die folgenden Rezepte vor allem um eben jene und dazu passende Fleischbeilagen. Im Rezeptteil des Vogtlandes warten "Nackete Maadle", "Vogtländer Speckpuffer", verschiedenste Klöße, "Wernesgrüner Gulasch" und andere Fleischgerichte auf den Rezeptinteressierten. Schön auch, dass sich zwischen den Rezepten immer wieder kleine Kästen mit historischen und geographischen Zusatzinformationen finden, die einem Land, Leute und lukullische Genüsse näher bringen. Unterm Strich scheint das Vogtland etwas herzhafter und weniger verschnörkelt als Leipzig zu sein; vielleicht ist an der Verschiedenartigkeit des Landes Sachsen also wirklich etwas dran.

...in die Höhen des Erzgebirges, um ihn...

Das Vorwort zum Kapitel Erzgebirge nennt erneut Kartoffeln aber auch Wild und Fisch und die "Vuglbeer" als Hauptzutatenlieferanten für die regionale Küche. Mit Wild tritt hier also ein neuer Zutatenzweig auf, der für Abwechslung innerhalb der sächsischen Küche sorgt. Bei "Hirschkeule in Pfefferkuchensoße", "Erzgebirgischem Rehbraten" und "Schwarzbeergetzen" (eine Art Beerenknödelchen) wird Sachsen-Paule/-Heiko nur noch zu einem weit entfernten Phantom; langsam erscheint die mächtige Semperoper vor dem geistigen Auge und der Freistaat beginnt das kulinarische Underdog-Image langsam aber sicher abzulegen.

...nach einem Zwischenstopp in der Hauptstadt....

Ähnlich wie Leipzig hat auch das Elbflorenz eine Speise eigenen Namens: den Dresdner Christstollen. Dagmar Schäfer betont im Kapitelvorwort aber, dass es nicht bei diesem bleibt, wenn es um Süßigkeiten geht. Die Dresdner Küche hätte vielmehr eine echte Historie, was Naschwerk aller Art angeht. Daneben sind aber auch aus der Elbe stammende Fische und Obst und Gemüse aus dem Elbtalkessel sehr beliebt. Die Zutatenliste ist also ähnlich der aus Leipzig. Die Rezepte halten, was im Vorwort versprochen wurde, und neben "Seezunge auf Regentschaftsart", "Meißner Wurzelkarpfen" und "Dresdner Mandelstollen" machen vor allem die vielen auf Schokolade basierenden Rezepte einen sehr guten Eindruck.

...sicher in die Oberlausitz zu bringen.

Die Lausitz, vielen nur bekannt durch den Fußballverein Energie Cottbus, bildet das letzte Regionalkapitel im Buch. Bei ihr handelt es sich um das Land der Gegensätze, so Dagmar Schäfer. Hier treffen Bauern auf Bürger, Arm auf Reich, Sorben auf Lausitzer, und alles zusammen führt zu einem Potpourri aus interessanten Rezepten. Die Kartoffel bleibt auch in diesem Kapitel allgegenwärtig, besonders interessant klangen aber die Rezepte zu "Oybiner Wildsuppe", "Sorbischer Hochzeitssuppe" und dem "Oberlausitzer Eierlikörkuchen".

Fazit:

Nachdem man sich auch durch die Rezepte dieses Kapitels geblättert oder besser noch gekocht hat, ist man fast etwas wehmütig, dass die Reise durch Sachsen schon beendet sein soll. Steht man dem Freistaat und seiner Küche am Anfang vielleicht noch etwas abwartend gegenüber, wird sich bei vielen nach dem Lesen des Buches ein positives Gefühl eingestellt haben. Ich jedenfalls bin von der Rezeptsammlung positiv überrascht worden: Die Anzahl der Rezepte ist sehr groß, die Erklärungen straff aber ausreichend, die Bilder sehr stimmungsvoll, die Qualität von Papier und Bindung sehr gut und dazu stimmt auch noch der Preis. Und da das Buch nicht auch als Hörbuch erscheint, kann ich hier bedenkenlos raten: Greifen sie zu, bei dem Preis machen sie hier sicher nichts falsch.

Reisen durch die Küchen von Sachsen

Dagmar Schäfer, Buchverlag für die Frau

Reisen durch die Küchen von Sachsen

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