Gaumenkitzel von Grol, Karen (Hrsg.)
Buchvorstellung und Rezension
Erschienen 2010 bei Stories u. Friends Verlag , 352 Seiten. ISBN 978-3942181006.
In Kürze:
Die besten Rezepte schreibt das Leben, behaupten unsere Literaten, greifen zum Kochlöffel und schauen ihren Helden in die Töpfe. Es wird gebrutzelt, geköchelt und getafelt. Fünf fantasievolle 5-Gänge-Menüs (mit Gruß aus der Küche) berichten von Speisen, die Geschichte(n) schreiben, von leidvollen Gaumenfreunden, genussvollen Überraschungen und köstlichen Verführungen – gewürzt, fein abgestimmt und versehen mit dem Glanz aus der Sterneküche. GAUMENKITZEL ist kein Kochbuch. 25 AutorInnen erzählen 31 erlesene Rezeptgeschichten und komponieren fünf literarische Menüs. GAUMENKITZEL ist ein Kochbuch. Der Sternekoch und Shootingstar der Gourmetküche, Benedikt Faust, kreiert das sechste Menü und die Rezepte zur Literatenküche. GAUMENKITZEL ist ein Buch für Köche, Genießer und Freunde der kurzen Story.
Das meint Kochbuch-Couch.de: „Eher für die Küche als fürs Schmökern!“
Kochbuch-Couch-Rezension von Claudia Schirrmeister
Faust – Eine Tragödie…
Das 2010 beim süddeutschen überwiegend kulinarisch orientierten Geschenkebuchverlag „Stories & Friends“ erschienene Buch „Gaumenkitzel. Erlesene Menüs aus der Literatenküche“ macht mit seinem festen Einband in edlem Grau und der darauf farbtupfer-orange unterlegten Schreibfeder sowie dem ebenfalls orangen Lesebändchen einen so ziemlich jeden ästhetischen Anspruch erfüllenden Eindruck – ein Band, der optisch in der Tat auf dem Gabentisch eine Bereicherung darstellen wird.
Das innere Layout hält, was das Äußere verspricht; man merkt, dass sich hier Menschen Mühe gegeben haben: Im Taschenbuchformat sammeln sich auf rund dreihundertfünfzig ansprechend gestalteten Seiten einunddreißig Kurzgeschichten und – immer mal als kleiner Block dazwischen – etwa zwanzig Rezepte des mehrfach ausgezeichneten Sternekochs Benedikt Faust. Fünfundzwanzig Autoren vereint dieses Buch; im Anhang findet der Leser biographische Hinweise zu jedem der, wie sie doppeldeutig genannt werden, „Köche“. Die studierte Ingenieurin Karen Grol hat den Band, wie schon einige andere Publikationen im Verlag, herausgegeben.
Auch die Struktur des Buches verspricht eine anspruchsvolle Mischung. Neben dem Vorwort und kurzen Intermezzi, in denen Benedikt Faust zwischen seinen Rezepten aus Faust zitiert – die genutzte Namensgleichheit mag auf den ersten Blick ganz amüsant erscheinen –, teilen sich die Kurzgeschichten in fünf Kapiteln auf. Jedes Kapitel soll ein Menü darstellen, dessen Speisenfolge – das Essen, auf das jeweils in den Geschichten mal ausführlicher, mal weniger ausführlich Bezug genommen wird – wie ein gleichzeitiges Inhaltsverzeichnis zu Beginn bekannt gegeben wird. Jede Story symbolisiert damit gewissermaßen ein bestimmtes Essen – da haben wir die „Literatenkü(ö)che“. Kapitel, besser Menü 4 steht beispielsweise unter der abgewandelten Sprichwort-Überschrift „Des Gaumen Freud, des anderen Leid“, und es bietet folgende Gerichte, pardon: Geschichten, an: Den obligatorischen „Gruß aus der Küche“, „Bachkrebserln auf Wiesensalat“, „Hühnersuppe“, „Jakobsmuscheln an Ingwer-Orangen-Schaum“, „Rehrücken mit Spätzle und Heidelbeersoße“ sowie „Kuchen von der besten Schokolade der Welt“. Die Namen der Speisen sind in die Anfangszeilen der Geschichte grau unterlegt seitlich in den Text gesetzt; das sieht alles sehr gut aus. Das Buch wirkt, wenn wir in der Metaphorik bleiben wollen, wie ein sorgfältig gedeckter Tisch, wie ein gelungenes Speisenarrangement auf einem feinen Porzellanteller.
Aber wie das manchmal so ist im Leben: Nicht alles, was gut aussieht, ist auch gut bzw. schmeckt gut. Die literarische Kost, die dem Leser hier aufgetischt wird, ist sehr leicht, um nicht zu sagen seicht, auch wenn Gerichte wie Steckrübenschnitzel in Speck oder Rehrücken auf der Karte stehen. Offensichtlich reizt das Thema „Essen“ Autoren zu unsäglichen Ergüssen. Da wärmt man das Klischee der italienischen Großfamilie mit der dominant-herzensguten Mama in der Cucina zum x-ten Male auf, und an Giftmorden kommt man beim Thema wohl gar nicht vorbei: Mann vergiftet Frau, Frau vergiftet Mann (und sich selbst), Mann vergiftet Hund – das Spektrum ist an Tiefgang kaum zu überbieten, auch wenn in der Geschichte „Blaues Wunder“ dem Essen eine Überdosis Viagra beigemengt wurde. In den skizzierten Beziehungsgeplänkeln zwischen Mann und Frau reihen sich Sentimentalitäten und Platituden aneinander, folgt Peinlichkeit auf Peinlichkeit, wird beim Gericht „Buabaspitzla“ die Ähnlichkeit des männlichen Glieds mit der Teigware diskutiert („Geht aufs Haus“) oder das Geräusch des elektrischen Dosenöffners für das eines Vibrators gehalten („Blind Date Cooking“ – warum nicht gleich „Blind Date Cocking“?) – o je!
Stereotype und Klischees werden in vorhersehbarer Weise abgehandelt, kredenzt werden weiterhin gescheiterte Emanzipationsversuche oder die Stimmungen schwangerer Frauen. Besonders grotesk und aufgesetzt wirken Geschichten, in denen die Schokolade den Ich-Erzähler gibt, Schutzengel „Leo“ berichtet oder die fiktive Entstehung des Kaiserschmarrns in Märchenform erzählt wird – so ein Schmarrn! Man fühlt sich wie ein Reisender auf einem literarischen „Traumschiff“. Den TV-Geschichten gleich lassen sich diese literarischen Stücke schnell hinunterschlingen wie ein Teller Tütensuppe, der aber durchaus auch seine Liebhaber findet. Die rasche Konsumierbarkeit vermag dem einen oder anderen zum entspannten Feierabend verhelfen, wer weiß.
Eine Story wie „The Greensboro Four“ hebt sich ein wenig aus dem überwiegenden Beziehungseinheitsbrei heraus, schildert sie zumindest gesellschaftspolitisch bedeutsame Inhalte; „Das Ende eines Feinschmeckers“ oder „Bachkrebs macht Schumann“ sind zumindest in ihrer inhaltlichen Struktur nicht völlig durchsichtig und farblos; sie können den Kohl insgesamt jedoch nicht fett machen. Schauen wir also auf die Rezepte des jungen Benedikt Faust: Vor der literarischen Kost erscheint der Faust-Bezug zunehmend fade und in der Tat tragisch, die Kommentare des Kochs überflüssig. Die Kochanleitungen aber bedienen diverse Gerichte und auch Soßen, die man immer schon einmal selbst zubereiten wollte, wie etwa Remouladensoße. Rinderfilet und Beize, Bouillabaisse mit Sauce Rouille oder Crème brûlée mit weißer Kuvertüre – das liest sich nicht nur gut, sondern verführt zur Nachahmung. „Schlichte“ Zutaten wie etwa die Tomate erhalten als „Gazpacho“ oder „Tomatenessenz“ ein ganz neues Gewand. Fotos der Speisen allerdings fehlen, „Gaumenkitzel“ soll ja in erster Linie ein Lesebuch sein. Faust nimmt zuweilen Anleihen an die Molekularküche („Fränkischer Kartoffelsuppenschaum“), womit er sicher seinen Status als modern-versierter Sternekoch rechtfertigt, woran sich aber durchaus auch ein leidenschaftlicher Hobbykoch versuchen kann. Ein wenig irritieren die Mengenangaben in Gramm für flüssige Zutaten (beispielsweise „30g Olivenöl“ für die Limonenvinaigrette).
„(K)ein Kochbuch“, heißt es auf der Banderole des Buchdeckels. Als Kochbuch allerdings löst der Band die Erwartung des ansprechenden Anblicks ein. Auf wessen Gabentisch sollte das Buch also nicht fehlen? Auf dem eines kochenden Gourmets und dem eines Unterhaltung suchenden eiligen Literaturkonsumenten – soll es in Personalunion womöglich geben.
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| Diekmännken zu »Grol, Karen (Hrsg.): Gaumenkitzel« | 05.05.2011 |
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