Häuptling Eigener Herd. Heft 39 von Droste, Wiglaf; Klink, Vincent
Buchvorstellung und Rezension
Erschienen 2009 bei Edition Vincent Klink , 127 Seiten. ISBN 978-3927350373.
In Kürze:
Je lauter und heftiger die Welt rumpelt, umso großer wird das Bedürfnis nach ländlichem Frieden, einem Idyll. Der Begriff geht auf den griechischen Dichter Theokrit zurück und bedeutet ursprünglich „Hirtengedicht“. Doch wo der alte Grieche ländliche Friedfertigkeit noch ungebrochen preisen konnte, haben wir modernen Menschen es schon schwerer. Ja, eigentlich geht das nur noch mit Ironie. Deshalb wartet der „Häuptling“ Nr. 39 mit einer Spitzentruppe von Ironikern auf. Da preist beispielsweise Ror Wolf die Ruhe, und der kürzlich verstorbene Peter Rühmkorf verfasst ein literarisches Selbstporträt; der Englander Julian Barnes schildert, was geschieht, wenn ein Pedant auf Wanderschaft geht; Wiglaf Droste entlarvt idyllischen Trug und Vincent Klink wandelt auf Thomas Bernhards Spuren. Weiter geht’s von A bis Z mit Wolfgang Abel, Brigita Bocina, Thomas C. Breuerjames Hamilton-Paterson, Anna v. Münchhausen, Gerhard Polt, Joseph von Westphalen, Erdmann Wingert und Klaus C. Zehrer. (Ankündigungstext der Redaktion)
Das meint Kochbuch-Couch.de: „Meine bisher schönste Sommerlektüre in diesem Jahr...“
Kochbuch-Couch-Rezension von Hermann Cölfen
...muss hier einfach vorgestellt werden. Wer die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ noch nicht kennt, der oder dem bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit, dies mit dem aktuellen Band „Landidylle“ nachzuholen.
„Landidylle“ ist die 39te Ausgabe einer höchst originellen Zeitschrift, die jetzt bereits im zehnten Jahr erscheint. In den ersten Ausgaben stand das Motto „Wir schnallen den Gürtel weiter“ auf dem Cover. Das ist weggefallen, und stattdessen steht jetzt im Innenteil „Das Lebensmittel für Hirn und Wanst“. Man ist älter und vorsichtiger geworden. Kann ich verstehen.
Sowohl die Zeitschrift als auch dieses Heft passen auf den ersten Blick kaum zu den Büchern, die wir hier sonst auf der Kochbuch-Couch vorstellen. Aber nur auf den ersten Blick. Um Rezepte geht es beim „Häuptling“ zwar nur am Rande – und in diesem Heft hat es sogar ausnahmsweise nur für eines gereicht – aber es handelt sich nach Auskunft der Herausgeber bei der Zeitschrift ja immerhin um „Das Lebensmittel für Hirn und Wanst“. Was will man mehr?
Bevor es aber ans ´Eingemachte´ geht, ein paar Bemerkungen zu den Verursachern: Herausgegeben wird die Zeitschrift von Wiglaf Droste und Vincent Klink. Letzterer ist Küchenmeister, Sternekoch und Padrone der Wielandshöhe in Stuttgart – nach meiner Kenntnis dem einzigen Restaurant im Lande mit einer sozusagen ´eigenen´, aber auf jeden Fall gleichnamigen S-Bahn-Station vor dem Eingang. Vincent Klink ist der Öffentlichkeit nicht nur durch die SWR-Sendung „Kochkunst mit Vincent Klink“ (läuft seit 1997, als es noch kaum Kochsendungen im Fernsehen gab) bekannt, sondern auch durch seine Kochbücher, viele kritische Beiträge zum Thema Essen und Ernährung und nicht zuletzt: seine Vorliebe für Literatur.
Die Begeisterung für Qualität beim Essen und in der Literatur sowie für tätige Kritik teilt er mit Wiglaf Droste, der zweite, nein: der andere Herausgeber. Hier lässt sich keine Rangfolge erkennen; man wertschätzt und respektiert sich gegenseitig auf gleicher Höhe. Als Sänger, Satiriker, Schriftsteller und Genießer verfügt er über das nötige Repertoire, um eine so schillernde Zeitschrift gemeinsam mit dem bibliophilen Küchenhaudegen Vincent Klink immer wieder neu zu füttern.
Beide Herausgeber zeichnet eine bisweilen recht ungemütliche Kompromisslosigkeit aus: Hier sind keine Diplomaten unterwegs, sondern anspruchsvolle, unerschrockene und immer wieder brüskierend ehrliche Handwerker ihres Fachs. Das ist nicht jedermanns Fall, und für beide gilt auch, was Klink in seinem Beitrag in „Landidylle“ über das Unbehagen an der Literatur des Schriftstellers Thomas Bernhard schreibt: „Sie [Bernhards Texte] sind wahr, und die Wahrheit ist selten angenehm“.
Eine solche Haltung bringt aber keineswegs ´düstere Texte´ hervor, weder bei den Herausgebern noch bei den (von Ausgabe zu Ausgabe wechselnden) Autorinnen und Autoren. So kann es einem passieren, dass man bei der Lektüre eines Beitrags immer wieder in schallendes Gelächter ausbricht, wie zum Beispiel in „Die Geheimnisse der niederbayerischen Küche“ von Klaus Cäsar Zehrer: Eine Gruppe pubertierender Jungs macht im Jahre 1986 eine Fahrradtour durch Niederbayern. Das Ziel: das 160 Kilometer weit entfernte Anwesen der potentiellen Erbtante des Erzählers. Der Zweck: die potentielle Erbtante davon zu überzeugen, dass die Verwandtschaft, repräsentiert durch den Neffen, erbtauglich sei. Die miserabel geplante Tour auf maroden Fahrrädern, gewürzt mit der unvermeidlichen Inkompetenz pubertierender Jünglinge und mit einem furiosen Ende ist so witzig und überzeugend erzählt, dass einem unweigerlich die eigenen frühen Irrfahrten einfallen.
Julian Barnes’ „Unbefugtes Betreten“ hingegen: die Geschichte eines Burschen, dem beim Wandern die Freundinnen davonlaufen; von einem, der alles richtig machen will und dabei immer wieder über die eigenen Füße stolpert. Tragisch, rührend und auch sehr wahrscheinlich.
So viel zu zweien von insgesamt 17 Beiträgen unterschiedlichster Art und Stimmung: Landidylle – wie und was das heutzutage sein kann, erzählen neben den Herausgebern und den beiden oben bereits genannten Autoren in diesem Band auch: Wolfgang Abel, James Hamilton-Paterson, Anna v. Münchhausen, Peter Rühmkorf, Julian Barnes, Gerhard Polt, Hanns Christian Müller, ror wolf, Brigita Bocina, Thomas C. Breuer, Joseph von Westfalen und Erdmann Wingert.
Mehr über die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ erfahren Sie hier: http://www.haeuptling-eigener-herd.de/index.html
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